Beyond [Comfort] · Folge 28 · Solo

Drei Gedanken von Viktor Frankl, die heute aktueller sind denn je.

Eine Auseinandersetzung mit Frankls Rede von 1988 am Wiener Rathausplatz — und der Frage, was persönliche Schuld, Heroismus und Anstand für Führung und Zivilcourage im Alltag bedeuten.

⏱ 13 Min. Lesezeit 🎙 Solofolge · Teil 2 von 2 📅 Mai 2026
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1988 sprach Viktor Frankl bei einer Friedensveranstaltung am Wiener Rathausplatz vor zehntausenden Menschen — als Zeitzeuge, im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Er eröffnete, indem er der ermordeten Mitglieder seiner Familie gedachte, und bat zugleich darum, kein Wort des Hasses von ihm zu erwarten. Aus dieser Rede lassen sich drei Gedanken herausziehen, die — bei allem Abstand zwischen historischer Dimension und heutigem Alltag — bemerkenswert tragfähig sind.

Diese Folge ist der zweite Teil eines Zweiteilers. Im ersten Teil (Folge 27) geht es darum, wer Viktor Frankl war und warum es sich lohnt, ihn zu kennen — mit der Empfehlung, sich die rund 16-minütige Rede von 1988 zuvor selbst anzuhören.

Gedanke 1Schuld kann nur persönliche Schuld sein

Frankl lehnte den Gedanken einer Kollektivschuld ab — und das nicht erst rückblickend, sondern nach eigener Aussage vom ersten Tag seiner Befreiung an, zu einer Zeit, in der diese Haltung alles andere als populär war. Schuld kann für ihn nur persönliche Schuld sein: die Schuld an etwas, das man selbst getan oder zu tun unterlassen hat. Niemanden wollte er kollektiv schuldig sprechen — nicht einmal die Täter, die er nicht persönlich kannte.

Dieses Framing trägt weit in den Alltag hinein. Wir reden ständig in Pauschalen: „die da oben", „die da unten", „die destruktiven Mitarbeiter". Im Management zeigt sich das im Kleinen, etwa wenn zwei von zehn Personen chronisch zu spät zu Meetings kommen — und daraufhin eine Rundmail an alle geht, man möge sich „wieder mehr fokussieren". Die acht, die pünktlich sind, fühlen sich grundlos ermahnt; die zwei, um die es geht, ändern nichts. Persönliches Fehlverhalten gehört bei der Person adressiert, nicht in der Verallgemeinerung.

Dasselbe Muster zerstört Trainings: Wenn die zwei Kritischen lautstark blockieren und die acht schweigen, fühlen sich die Blockierer bestätigt und alle anderen scheinen zuzustimmen. Erst in der Pause kommt heraus, wie genervt die Mehrheit war. Die Lehre: Wer betroffen ist, sollte Stellung beziehen für das, was ihn betrifft — sonst überlässt er das Feld den lautesten Stimmen.

Gedanke 2Heroismus darf man nur von sich selbst verlangen

Den stärksten Gedanken der Rede formuliert Frankl als Antwort auf den Einwand, die meisten seien doch Opportunisten gewesen, sie hätten Widerstand leisten müssen. Sein Konter:

Heroismus darf man meiner Ansicht nach nur von einem einzigen Menschen verlangen — und das ist man selbst. — Viktor Frankl, Rede am Wiener Rathausplatz, 1988

Wer fordert, andere hätten sich einsperren lassen sollen, statt sich zu arrangieren, dürfe das nur sagen, wenn er für die eigene Person bewiesen habe, dass er genau das getan hätte. Bemerkenswert: Frankl beobachtete, dass gerade jene, die die Lager überlebt hatten, milder über die Geflohenen urteilten als umgekehrt.

Ins Kleine übersetzt — und mit allem gebotenen Abstand zur historischen Lage — begegnet uns dasselbe Muster in jedem Konflikt: die hohe Erwartung, das Gegenüber möge endlich Größe zeigen, sich entschuldigen, verzeihen, sein Verhalten ändern. Die Gegenfrage ist unbequem: Hast du selbst dein Verhalten geändert? Denn wenn du an dem festhältst, was dich in die Situation gebracht hat, was soll sich ändern? Das verwandte Prinzip heißt 100 % Ownership — und es deckt sich mit einem nüchternen Verständnis von Hoffnung: Das Richtige zu tun, auch wenn die Dinge noch nicht besser werden. Sobald einer den ersten Schritt der Zivilcourage geht, folgt meist Rückenstärkung. Aber jemand muss beginnen.

Gedanke 3Anständige und nicht anständige Menschen

Frankls dritter Gedanke: Es gibt für ihn letztlich nur zwei Arten von Menschen — anständige und nicht anständige. Diese Trennlinie zieht sich quer durch alle Nationen, Parteien und Gruppen. Die anständigen, so seine nüchterne Einschätzung, seien stets in der Minderheit gewesen und würden es voraussichtlich bleiben. Gefahr droht erst, wenn ein politisches System die nicht anständigen — die negative Auslese — an die Oberfläche schwemmt. Als Beleg für das, wozu Menschen unter Bedingungen fähig sind, verweist die Folge auf das Milgram-Experiment.

Daran knüpft die alte Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt. Kaum jemand hält sich selbst für böse — gerade das macht es gefährlich, wenn jemand überzeugt ist, sein „guter" Zweck rechtfertige jedes Mittel: Lüge, Diskreditierung, der Missbrauch anonymer Hinweisgebersysteme, um eine Person loszuwerden. Die Alternative ist, sich selbst einen Rahmen zu setzen, den man nicht überschreitet — auch dann nicht, wenn man viele Gründe zu haben glaubt. Gewalt, hinterrücks reden, bewusste Demontage: Das kann nie der Anspruch an uns als Gesellschaft sein.

Drei Gedanken zum Mitnehmen
  • Adressiere Verhalten persönlich: Fehlverhalten gehört zur betroffenen Person — nicht in die pauschale Rundmail an alle.
  • Fang bei dir an: Größe, die du von anderen erwartest, musst du zuerst selbst zeigen. Der erste Schritt ist der schwerste — und der wichtigste.
  • Setz dir einen Rahmen: Kein Zweck rechtfertigt jedes Mittel. Wer das verinnerlicht, bleibt auch unter Druck handlungsfähig.

Es bleiben historisch tiefe, schwere Themen. Die Frage ist, was wir daraus lernen — und was wir von einem Menschen wie Frankl für unseren Alltag mitnehmen können. Genau dafür ist diese Folge gedacht. Wer die Rede selbst noch nicht gehört hat, dem sei sie ausdrücklich empfohlen.

Vertiefungsmaterial zu dieser Folge

Hol dir die Reflexionsfragen zu Frankls drei Gedanken — als Vorlage, um persönliche Schuld, Ownership und den eigenen Rahmen für dich durchzudenken.

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